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Privatisierung der Stromverteilung in der Türkei - ein schnell wachsender Markt wird jetzt aufgeteilt

<p>Start der Privatisierung des türkischen Strommarktes / deutsche Energieversorger verpassen möglicherweise Chancen / Investionen erfordern genaue Kenntnisse lokaler Marktgegebenheiten und klare Strategie</p>

Die Türkei ist einer der am stärksten wachsenden Strommärkte, dem im Blick auf die Zukunft besonders hohe Attraktivität zugeschrieben wird. In den nächsten zehn Jahren erwartet die türkische Regulierungsbehörde eine Wachstumsrate des Stromverbrauchs (188 TWh im Jahr 2007) von durchschnittlich 7,6% pro Jahr. Bei der gegenwärtigen Geschwindigkeit des Zubaus von Kraftwerkskapazität besteht voraussichtlich ab 2009 - spätestens jedoch ab 2010 - eine Lücke zwischen Erzeugung und Verbrauch. Deutsche Energieversorger suchen dementsprechend nach geeigneten Investitionsmöglichkeiten für den Erzeugungsmarkt - beispielsweise durch Kauf oder Bau von Kraftwerken oder durch Partnerschaften mit türkischen Unternehmen. Parallel findet zur Zeit auch die Öffnung und Privatisierung des türkischen Markts für Stromverteilung und -vertrieb statt. Momentan existieren 21 regionale Stromverteiler, die in ihrem jeweiligen Distributionsgebiet bisher Monopole besitzen, die aber zunehmend geöffnet werden - Verbraucher mit einem Mindestverbrauch von 1,2 GWh / Jahr können ihren Lieferanten mittlerweile frei wählen. Diese Grenze wird jährlich von der Regulierungsbehörde neu definiert, bis die vollständige Marktöffnung erreicht ist. Ein Stromverteiler ist bereits seit 1990 privatisiert, während alle anderen 20 Unternehmen sich bis 2008 in staatlicher Hand befanden. Seit diesem Jahr läuft eine Welle von Privatisierungsvorhaben, es wurden bereits vier Stromverteiler mittels öffentlicher Ausschreibungen privatisiert. Bis Ende 2010 sollen voraussichtlich alle 21 Unternehmen privatisiert sein. Bei den im Jahr 2008 durchgeführten Privatisierungen kamen hauptsächlich türkische Unternehmen zum Zug, wobei in zwei Fällen mitteleuropäische Unternehmen den Zuschlag erhielten: die österreichische Elektrizitätswirtschafts-AG (Verbund), sowie die tschechische CEZ, die beide in Joint Ventures mit türkischen Partnern Anteile an regionalen Verteilunternehmen erwerben konnten. Deutsche Energiekonzerne haben sich teilweise für die Teilnahme an Ausschreibungen qualifiziert, nahmen aber letzlich nicht teil. Aufgrund der eingeschränkten Verfügbarkeit von Unternehmensinformationen ist es z.T. sehr schwierig, die Attraktivität eines potentiellen Kaufobjekts und die mit der Transaktion verbundenen Risiken realistisch zu beurteilen. Die Leistungsfähigkeit der türkischen Stromverteiler unterscheidet sich signifikant - zum Teil auch aufgrund der jeweiligen regionalen Gegebenheiten. So variieren die Netzverluste (technisch und kommerziell) zwischen Unternehmen im Westen und Osten der Türkei zwischen 6 und fast 65 %. Auch das Effizienzniveau der Unternehmen ist sehr unterschiedlich. Wie eine aktuelle Studie von Arthur D. Little kürzlich zeigte, unterscheiden sich effiziente von weniger effizienten Unternehmen signifikant in Bezug auf Ressourceneinsatz und Wirtschaftlichkeit.
Abbildung: Übersicht über die Ergebnisse des Effizienzvergleichs für Stromverteiler Leitfaden für potenzielle Investoren
Potenzielle Investoren müssen sich genau über die angestrebte Rolle im Klaren sein: Soll Mehrwert über die Restrukturierung eines ineffizienten Unternehmens geschaffen werden oder soll ein bereits effizientes Unternehmen Wachstumschancen realisieren, die deutlich über denen des Heimatmarkts liegen? In beiden Fällen muss der Investor strategische Ziele, Kompetenzen und die Ausgangslage des Akquisitionsziels in Einklang bringen. Die Türkei ist ein Strommarkt mit großen Chancen, aber auch signifikanten Risiken, die bei unzureichend sorgfältiger Auswahl des Ziels schnell unkontrollierbar werden können. Die Türkei plant auch den Einstieg in die Kernenergie: Insgesamt sollen drei Kraftwerke mit einer Leistung von 5.000 MW entstehen. Das erste Projekt wurde bereits ausgeschrieben, hier ist nur ein russisches Unternehmen als Anbieter im Prozess verblieben. Alle anderen Bieter (u.a. auch RWE) haben sich "in letzter Sekunde" aus dem Verfahren verabschiedet. Aufgrund der in der Türkei momentan intensiv geführten Diskussion über die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen (z.B. importiert die Türkei aktuell 63,5% des Erdgases aus Russland) ist jedoch fraglich, ob der russische Anbieter zum Zug kommt. West- und mitteleuropäische Unternehmen versuchen auf unterschiedliche Weise den Markteintritt. RWE hat ein "Memorandum of Understanding" unterzeichnet, das mit einem türkischen Partner den Einstieg in den Stromerzeugungsmarkt vorsieht. E.ON plant bereits zwei Kraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 1.600 MW. EnBW möchte die strategische Partnersuche bis Ende 2008 abschließen und ebenfalls in den Markt eintreten. Der österreichische Verbund strebt nach dem bereits vollzogenen Einstieg in die Stromverteilung einen Eintritt in den Erzeugungsmarkt an. Durch die Kooperation mit der größten türkischen Holding (Sabanci) streben die Österreicher einen Marktanteil von 10% an (insgeamt 5000 MW). Schwerpunkt der Kooperation ist der Bau von neun Wasserkraftwerken. Die tschechische CEZ ist bei der türkischen Erzeugungsgesellschaft Akenerji als Anteilseigner eingestiegen.

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Privatisierung der Stromverteilung in der Türkei - ein schnell wachsender Markt wird jetzt aufgeteilt

<p>Start der Privatisierung des türkischen Strommarktes / deutsche Energieversorger verpassen möglicherweise Chancen / Investionen erfordern genaue Kenntnisse lokaler Marktgegebenheiten und klare Strategie</p>

DATE

November 2008

Die Türkei ist einer der am stärksten wachsenden Strommärkte, dem im Blick auf die Zukunft besonders hohe Attraktivität zugeschrieben wird. In den nächsten zehn Jahren erwartet die türkische Regulierungsbehörde eine Wachstumsrate des Stromverbrauchs (188 TWh im Jahr 2007) von durchschnittlich 7,6% pro Jahr. Bei der gegenwärtigen Geschwindigkeit des Zubaus von Kraftwerkskapazität besteht voraussichtlich ab 2009 - spätestens jedoch ab 2010 - eine Lücke zwischen Erzeugung und Verbrauch. Deutsche Energieversorger suchen dementsprechend nach geeigneten Investitionsmöglichkeiten für den Erzeugungsmarkt - beispielsweise durch Kauf oder Bau von Kraftwerken oder durch Partnerschaften mit türkischen Unternehmen. Parallel findet zur Zeit auch die Öffnung und Privatisierung des türkischen Markts für Stromverteilung und -vertrieb statt. Momentan existieren 21 regionale Stromverteiler, die in ihrem jeweiligen Distributionsgebiet bisher Monopole besitzen, die aber zunehmend geöffnet werden - Verbraucher mit einem Mindestverbrauch von 1,2 GWh / Jahr können ihren Lieferanten mittlerweile frei wählen. Diese Grenze wird jährlich von der Regulierungsbehörde neu definiert, bis die vollständige Marktöffnung erreicht ist. Ein Stromverteiler ist bereits seit 1990 privatisiert, während alle anderen 20 Unternehmen sich bis 2008 in staatlicher Hand befanden. Seit diesem Jahr läuft eine Welle von Privatisierungsvorhaben, es wurden bereits vier Stromverteiler mittels öffentlicher Ausschreibungen privatisiert. Bis Ende 2010 sollen voraussichtlich alle 21 Unternehmen privatisiert sein. Bei den im Jahr 2008 durchgeführten Privatisierungen kamen hauptsächlich türkische Unternehmen zum Zug, wobei in zwei Fällen mitteleuropäische Unternehmen den Zuschlag erhielten: die österreichische Elektrizitätswirtschafts-AG (Verbund), sowie die tschechische CEZ, die beide in Joint Ventures mit türkischen Partnern Anteile an regionalen Verteilunternehmen erwerben konnten. Deutsche Energiekonzerne haben sich teilweise für die Teilnahme an Ausschreibungen qualifiziert, nahmen aber letzlich nicht teil. Aufgrund der eingeschränkten Verfügbarkeit von Unternehmensinformationen ist es z.T. sehr schwierig, die Attraktivität eines potentiellen Kaufobjekts und die mit der Transaktion verbundenen Risiken realistisch zu beurteilen. Die Leistungsfähigkeit der türkischen Stromverteiler unterscheidet sich signifikant - zum Teil auch aufgrund der jeweiligen regionalen Gegebenheiten. So variieren die Netzverluste (technisch und kommerziell) zwischen Unternehmen im Westen und Osten der Türkei zwischen 6 und fast 65 %. Auch das Effizienzniveau der Unternehmen ist sehr unterschiedlich. Wie eine aktuelle Studie von Arthur D. Little kürzlich zeigte, unterscheiden sich effiziente von weniger effizienten Unternehmen signifikant in Bezug auf Ressourceneinsatz und Wirtschaftlichkeit.
Abbildung: Übersicht über die Ergebnisse des Effizienzvergleichs für Stromverteiler Leitfaden für potenzielle Investoren
Potenzielle Investoren müssen sich genau über die angestrebte Rolle im Klaren sein: Soll Mehrwert über die Restrukturierung eines ineffizienten Unternehmens geschaffen werden oder soll ein bereits effizientes Unternehmen Wachstumschancen realisieren, die deutlich über denen des Heimatmarkts liegen? In beiden Fällen muss der Investor strategische Ziele, Kompetenzen und die Ausgangslage des Akquisitionsziels in Einklang bringen. Die Türkei ist ein Strommarkt mit großen Chancen, aber auch signifikanten Risiken, die bei unzureichend sorgfältiger Auswahl des Ziels schnell unkontrollierbar werden können. Die Türkei plant auch den Einstieg in die Kernenergie: Insgesamt sollen drei Kraftwerke mit einer Leistung von 5.000 MW entstehen. Das erste Projekt wurde bereits ausgeschrieben, hier ist nur ein russisches Unternehmen als Anbieter im Prozess verblieben. Alle anderen Bieter (u.a. auch RWE) haben sich "in letzter Sekunde" aus dem Verfahren verabschiedet. Aufgrund der in der Türkei momentan intensiv geführten Diskussion über die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen (z.B. importiert die Türkei aktuell 63,5% des Erdgases aus Russland) ist jedoch fraglich, ob der russische Anbieter zum Zug kommt. West- und mitteleuropäische Unternehmen versuchen auf unterschiedliche Weise den Markteintritt. RWE hat ein "Memorandum of Understanding" unterzeichnet, das mit einem türkischen Partner den Einstieg in den Stromerzeugungsmarkt vorsieht. E.ON plant bereits zwei Kraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 1.600 MW. EnBW möchte die strategische Partnersuche bis Ende 2008 abschließen und ebenfalls in den Markt eintreten. Der österreichische Verbund strebt nach dem bereits vollzogenen Einstieg in die Stromverteilung einen Eintritt in den Erzeugungsmarkt an. Durch die Kooperation mit der größten türkischen Holding (Sabanci) streben die Österreicher einen Marktanteil von 10% an (insgeamt 5000 MW). Schwerpunkt der Kooperation ist der Bau von neun Wasserkraftwerken. Die tschechische CEZ ist bei der türkischen Erzeugungsgesellschaft Akenerji als Anteilseigner eingestiegen.